Presseberichte zur Übergabe des Planfeststellungsbeschlusses an den Flughafen Leipzig/Halle vom 05.11.2004:
Freie Bahn und neue Ängste
Leipzig/Gröbers/MZ.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kam Eric Malitzke, Geschäftsführer
des Flughafens Leipzig / Halle aus dem Leipziger Regierungspräsidium.
Die Behörde genehmigte am Donnerstag den Neubau der Start- und Landebahn
Süd. Sie soll parallel zur Nordbahn gedreht und auf 3 600 Meter verlängert
werden. Damit könnten künftig auf beiden Pisten vollbeladene Übersee-Frachtflüge
starten.
"Wir haben frei Bahn, wir dürfen
bauen", sagt Malitzke. "Und wir werden es dann tun, wenn die Nachfrage der
Wirtschaft besteht", fügt er hinzu. Der Airport hofft auf die Errichtung
eines Fracht-Drehkreuzes des Post-Paketdienstes DHL. Nacht für Nacht
würden dann fast im Minutentakt Maschinen aus ganz Europa in Mitteldeutschland
landen, Fracht austauschen und wieder starten. Mit der Genehmigung hat der
Flughafen, so Malitzke, "auch ein ganzes Bündel an Auflagen erhalten".
Die verpflichten zu umfassenderem Schall- und Umweltschutz, als zunächst
geplant. Das werde zwar teuer. Malitzke sieht indes darin auch eine Chance:
Die Auflagen schaffen den rechtlichen Rahmen für einen besseren Schutz
der Menschen im Flughafen-Umfeld vor möglichen Belastungen.
Inzwischen schließen sich
die Gegner des Flughafen-Ausbaus zusammen, beginnen den Kampf für ein
generelles Nachtflugverbot. In Gröbers (Saalkreis) machten sie sich
am Mittwochabend Luft. Eingeladen hatte die "Interessengemeinschaft für
ein Nachtflugverbot am Flughafen Leipzig-Halle". "Sollen wir denn alle im
Keller bei geschlossenen Fenstern schlafen?", fragte Andreas Kante, Sprecher
der Initiative. Er traf damit den Nerv der rund 100 Menschen, die den Saal
der Gastwirtschaft "Zum Hirsch" füllten. Die meisten kamen aus Ortschaften,
die in oder an den Einflugschneisen liegen. "Durch den Neubau der Landbahn
und die Ansiedlung von DHL würden mehrere tausend Anwohner keine ruhige
Nacht mehr haben", sagte der Sprecher weiter.
"Wenn DHL kommt, wird es statt
zehn über 80 Nachtflüge geben", sagte Klaus Lori von der Interessengemeinschaft.
Er sieht den Wert seines Eigenheims in Taucha gefährdet. "In Deutschland
gibt es kaum Airports mit Nachtflugerlaubnis. Wenn DHL diese für 30
Jahre erhält, werden andere auch kommen." Für Lori sind auch die
angekündigten 3 000 neuen Jobs kein Argument: "Was sind das für
Arbeitsplätze? Billigjobs für vier Stunden in der Nacht?"
Zu Kompromissen mit dem Airport
sind die Gegner der Startbahn-Süd nicht bereit. Flughafenchef Malitzke
darf auf ihren Treffen nicht sprechen. Die Interessengemeinschaft will rasch
Geld sammeln, um ein Lärmgutachten erstellen zu lassen und einige Musterklagen
einzureichen. "Einen Versuch ist es wert", erklärte Ralf Felsberg aus
Merseburg. "Schon heute hören wir, wie Jets über uns durchstarten.
Alte Frachtmaschinen erzeugen noch mehr Lärm. Davor haben wir Angst."
Neubau der Südpiste kann kommen - Anwohner wollen sich mit Musterklagen wehren
Halle/MZ. Die
gute Nachricht für die Region schreckt viele Anwohner auf. Mit der Genehmigung
zum Neubau der südlichen Start-und Landebahn wachsen nicht nur die Chancen
des Flughafens Leipzig/Halle, ein wichtiges Frachtdrehkreuz zu werden. Die
Flugzeuge, die künftig Fracht und damit auch Arbeit in die Region bringen
sollen, haben auch jede Menge Lärm im Gepäck. Einen Flughafen,
der die Nachbarn nicht stört, gibt es auf der ganzen Welt nicht.
Die Sorge der Menschen in Gröbers
oder Seehausen, die um ihren Nachtschlaf bangen, ist daher berechtigt. Doch
allein deshalb die Chance auf Investitionen und neue Jobs zu vertun, wäre
töricht. Ein Wirtschaftsraum wie Mitteldeutschland kann sich das nicht
leisten.
Das Regierungspräsidium
Leipzig hat mit seinen strengen Auflagen für den Neubau einen Weg zum
Ausgleich der Interessen aufgezeigt. Gewiss werden Lärmschutzfenster
oder schallgedämpfte Dachstühle aus Airport und Anwohnern nicht
gleich Freunde machen. Doch sie können helfen, dass man sich wenigstens
als Nachbarn akzeptiert. Und zumindest jene, die im Umfeld des Flughafens
einen Arbeitsplatz gefunden haben, werden die anfliegenden Maschinen mit
anderen Augen sehen.
Leipzig. Das Regierungspräsidium
genehmigte gestern den Bau der neuen Landebahn Süd und machte damit
den Weg frei für die DHL-Ansiedlung am Flughafen Leipzig/Halle. Die
Post-Tochter will in Schkeuditz ihr internationales Luftdrehkreuz errichten,
wodurch nach Angaben von Sachsens Ministerpräsidenten Georg Milbradt
bis zu 3000 Jobs entstehen werden.
Der Planfeststellungsbeschluss
für die neue Landebahn sieht keine Einschränkung des bestehenden
24-Stunden-Flugbetriebs vor, ist aber mit einer Reihe von Auflagen verbunden.
Dabei handele es sich um "kostenpflichtige und schmerzliche Auflagen" für
den Flughafen, sagte Regierungspräsident Christian Steinbach, die vor
allem dem Lärm- und Umweltschutz dienten.
So sei das Nachtschutzgebiet
auf fast das Doppelte erweitert worden. Es reicht im Westen bis in die Nähe
von Schkopau und im Osten bis Gottscheina nahe dem BMW-Werk. Um die Nachtruhe
in diesem Gebiet zu gewähren, ist der Flughafen zu umfangreichen Lärmschutzmaßnahmen
verpflichtet. Zudem bestehe ein Anspruch darauf, dass der Flughafen Grundstücke
zum Verkehrswert kauft, wenn die Eigentümer dies wegen der Lärmbelästigung
wünschen. Hierfür wurde ein Korridor im direkten Umfeld des Airports
ausgewiesen.
Das Regierungspräsidium
hat dem Gutachten die Verkehrsprognose für das Jahr 2015 zu Grunde gelegt.
Diese geht von jährlich 124.552 Flugbewegungen aus. Derzeit sind es
rund 40.000 pro Jahr.
Der Flughafen hat für den
Lärmschutz rund 60 Millionen Euro eingeplant, sagte Volkmar Stein, Vorstandsvorsitzender
der Mitteldeutschen Flughafen AG, zu der der Schkeuditzer Airport gehört.
Die Kosten für den Bau der Start- und Landebahn Süd einschließlich
Rollwegen und neuem südlichen Vorfeld betragen nach seinen Worten 290
bis 295 Millionen Euro. Die Mittel kommen im Wesentlichen vom Hauptgesellschafter
des Flughafens, dem Freistaat Sachsen.
Um Details des Lärmschutzes
abzusprechen, wolle der Flughafen in Kürze ein Infotelefon für
Betroffene einrichten, kündigte Flughafen-Chef Eric Malitzke an.
Hohenheida, Göbschelwitz,
Gottscheina, Podelwitz, Liemehna, Mutschlena, Radefeld, Glesien, der nördlichste
Zipfel von Breitenfeld, große Teile von Schkeuditz und Rackwitz - sie
alle liegen in der Nachtschutzzone, die das Regierungspräsidium (RP)
Leipzig gestern mit der Genehmigung für die neue Start- und Landebahn
Süd festgelegt hat.
Regierungspräsident Walter
Christian Steinbach war sichtlich stolz, dass seine Behörde bundesweit
ein völlig neues Lärmschutzkonzept aufgelegt hat und neueste wissenschaftliche
Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR)
einflossen. Diese gehen erstmals davon aus, dass auch niedrigere Lärmpegel
den Schlaf stören und zu kurzen Aufwachreaktionen führen.
"Das Regierungspräsidium
hat nach eingehender Prüfung entschieden, dass durch den nächtlichen
Fluglärm im Mittel keine zusätzliche Aufwachreaktion auftreten
darf", erklärte Steinbach gestern das bundesweit erstmals festgeschriebene
Schutzziel bei einem Flughafen. Dabei sollen nicht mehr nur Durchschnittspegel
zugrunde gelegt werden, sondern eine mathematische Formel, die nach den Erkenntnissen
der DLR-Untersuchung Lautstärke und Häufigkeit in ein Verhältnis
stellt. Wie Kerstin Braun vom RP-Rechtsreferat erklärte, werde dabei
davon ausgegangen, dass zum Beispiel bei 17 Überflügen mit jeweils
60 Dezibel (dB) im Innern gemessen genauso Schallschutz nötig sei wie
bei 43 Fliegern mit 45 dB oder 89 Ereignissen von 39 dB.
Für derart betroffene Grundstücke
hat das RP eine Nachtschutzzone festgeschrieben, die gegenüber dem Antrag
des Flughafens deutlich vergrößert wurde. Im Leipziger Raum wurden
zum Beispiel Hohenheida, Göbschelwitz, Gottscheina und Podelwitz aufgenommen.
In diesem Bereich werden die Werte nur eingehalten, wenn die Bewohner nachts
bei geschlossenen Fenstern schlafen - der Flughafen muss entsprechend für
Lüfter in Schlafräumen sorgen. Eine weiter gehende Schutzzone legte
das RP im unmittelbaren Flughafen-Umfeld fest. In ihr muss durch bauliche
Veränderungen wie Schallschutzfenster und Dachabdichtung der Lärmpegel
gesenkt werden.
In einer ersten Stellungnahme
kritisierte die Interessengemeinschaft (IG) für ein Nachtflugverbot
am Flughafen Leipzig/Halle den Planfeststellungsbeschluss. Ein drastischer
Anstieg der Flugbewegungen bringe schwerwiegende Auswirkungen auf Gesundheit
und Umwelt und den Wert des Wohneigentums. Die IG fordere eine Nachtflugverbot
und sei bereit, dies einzuklagen, so Sprecher Jörg Schilling. "Meine
Familie ist zum Beispiel aufs Land gezogen, um bei offenem Fenster schlafen
zu können", erläuterte er. Seine Frau habe Atemnot, kriege nur
so genug Luft.
Airport-Chef Eric Malitzke sagte,
er sei froh über den Beschluss des RP. Der Flughafen habe zwar eine
Reihe von Auflagen insbesondere beim Lärmschutz zu erfüllen, in
der Region werde das aber zu einer größeren Akzeptanz des Airports
führen. Der Flughafen werde wegen der Maßnahmen in Kürze
ein Info-Telefon schalten und eine Arbeitsgruppe bilden, die Maßnahmen
mit den Hausbesitzern bespricht.
Jörg ter Vehn
Die Planfeststellungsunterlagen
liegen vom 1. bis 14. Dezember in den Städten und Gemeinden aus. Bis
zum 14. Januar können Betroffene Einspruch erheben.
Leipzig. Der Schlaf
hat es ihm angetan. Minutenlang referierte Leipzigs Regierungspräsident
Walter Christian Steinbach über Nachtruhe, Aufwachreaktionen, Schlaftiefenwechsel
oder Dauerschallpegel. Und blieb dabei höchst munter. Schließlich
genehmigte er gestern den Ausbau des Flughafens Leipzig/Halle, übergab
den Planfeststellungsbeschluss für den Neubau der Landebahn Süd,
der - und das ist das Besondere - keine Einschränkung des bestehenden
24-Stunden Flugbetriebs vorsieht.
Damit machte das Regierungspräsidium
den Weg frei für die Ansiedlung der Post-Tochter DHL, die in Leipzig
ihr internationales Luftdrehkreuz errichten will. "Ohne aber die Sorgen der
Bevölkerung außen vor zu lassen", betonte Steinbach. So habe die
Behörde dem Antrag nicht in der vom Airport eingereichten Fassung stattgegeben,
sondern "kostenpflichtige und schmerzlichen Auflagen" für den Flughafen
erteilt.
Insbesondere sei die Nachtschutzzone
fast auf das Doppelte erweitert worden. Sie reicht jetzt im Osten bis nach
Gottscheina (nordöstlich vom BMW-Werk) und im Westen bis nach Halle-Ammendorf
und nahe dem Chemiestandort Schkopau. Durch den Einbau von Schallschutzfenstern,
Lüftern und notfalls Dämmwänden muss der Flughafen sicherstellen,
dass in diesem Bereich die Nachtruhe der Einwohner nicht gefährdet wird.
Ferner wurde ein weiterer Korridor ausgewiesen. Hier haben Eigentümer
einen Anspruch darauf, ihre Grundstücke wegen zu hoher Lärmbelästigungen
an den Flughafen zu verkaufen. Und zwar zum Verkehrswert vor dem Bekanntwerden
des Südbahn-Ausbaus, also vor Wertminderung en der Immobilien. Ferner
muss der Flughafen 73 Hektar Wald aufforsten und im Norden von Schkeuditz
eine größere Lärmschutzwand errichten.
Das Regierungspräsidium
hat dem Gutachten die Verkehrsprognose für das Jahr 2015 zu Grunde gelegt.
Diese geht von jährlich 124.552 Flugbewegungen aus. Derzeit sind es
rund 40.000 pro Jahr. Gestützt hat sich das Regierungspräsidium
auf neue Erkenntnisse des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt
(DLR), das zwischen 1999 und 2004 umfangreiche Studien zur Wirkung des nächtlichen
Fluglärms auf den Schlaf durchgeführt hat. Dabei handele es sich
um eine repräsentative Untersuchung im Umfeld des Flughafens Köln/Bonn.
Nach den Worten von Leipzigs
Flughafenchef Eric Malitzke ist mit dem Beschluss "die Zukunft des Airports
und der Ausbau des Luftfrachtgeschäfts nachhaltig gesichert". Rund 60
Millionen Euro seien für den Lärmschutz eingeplant, ergänzte
Volkmar Stein, Vorstandsvorsitzender der Mitteldeutschen Flughafen AG, zu
der der Schkeuditzer Airport gehört. Nach Ausweitung der Nachtschutzzone
müsse die Holding nun prüfen, "ob wir mit diesem Budget auskommen",
sagte Stein. "Große Schwierigkeiten" sehe er aber nicht.
Die Kosten für den Bau der
auf 3600 Meter verlängerten und parallel zur Nordbahn ausgerichteten
Südpiste einschließlich Rollwegen und neuem südlichen Vorfeld
bezifferte Stein mit 290 bis 295 Millionen Euro. Aufkommen dafür wie
für den Lärmschutz wird im wesentlichen der Freistaat Sachsen,
der mit 67 Prozent an der Mitteldeutschen Flughafen AG beteiligt ist. Als
Baubeginn schwebt dem Flughafen 2005 vor.
Für das Planfeststellungsverfahren
benötigte das Regierungspräsidium genau ein Jahr. "Wir werden immer
besser", meinte Steinbach. "Für die Nordbahn waren es noch 18 Monate."
Elf Fachleute stellte die Behörde für die Prüfung des Antrags
ab, daruner acht Juristen (vier wurden befristet eingestellt), einen Biologen
und zwei Beamte des gehobenen Dienstes.