Presseartikel zur Bekanntgabe der Standortentscheidung von DHL vom 10./11. November 2004
Freude über Arbeitsplätze, Sorge um Lärmbelastung
Kreisgebiet. Die Ansiedlung der Post-Tochter DHL am Flughafen Leipzig/Halle ist in Sack und Tüten, tausende Arbeitsplätze sollen in wenigen Jahren entstehen. Doch die Freude darüber ist nicht ungetrübt, besonders das Thema Lärm wird in den Anrainergemeinden heiß diskutiert.
"Der zu erwartende Frachtverkehr wird nicht nur eine Zunahme des Verkehrs in der Luft, sondern auch auf Straße und Schiene nach sich ziehen", so Birgit Gründling, Ortsvorsteherin der mit am stärksten betroffenen Orte wie Freiroda und Radefeld. Zusammen werde dies einen weiteren großen Verlust an Lebensqualität bedeuten. "Dennoch wünsche ich mir, dass mit DHL die Hoffnungen vieler auf einen Arbeitsplatz in Erfüllung gehen und sich weitere Firmen in den Gewerbegebieten ansiedeln."
Eilenburgs Chef der Agentur für Arbeit, Frank Germer, sieht mit der DHL-Ansiedlung eine langfristige arbeitsmarktpolitische Belebung für die Region. "Wie bei anderen Großprojekten, etwa Porsche und BMW, ist damit eine Stabilisierung des Handwerks und des Mittelstandes als den eigentlich Arbeitsplätze schaffenden Betrieben möglich. Das gilt sowohl für die Bauzeit als auch für später. So eine Ansiedlung ist wie ein Sog, da kommt noch mehr", ist sich Germer sicher.
Tauchas 1. Beigeordneter Michael König begrüßt die Entscheidung ausdrücklich: "Das ist echte Wirtschaftsförderung, eine große Chance für die Region." Der Grünen-Stadtrat Mario Glaetzer aus Taucha freut sich nicht: "Viele Menschen in der Region bangen um ihren Nachtschlaf, ich auch. Darum geht es auch der Bürgerinitiative. Sie ist nicht gegen Arbeitsplätze." Außerdem bezweifelt das Nabu-Mitglied die Zahl der avisierten Jobs. "Und überhaupt, wer will die nächtlichen Billigjobs eigentlich machen?"
Martin Pelzl
© Leipziger Volkszeitung vom Mittwoch, 10. November 2004
Neues Logistik-Zentrum am Flughafen wird im Jahr 2008 eröffnet / Kanzler
Schröder: Ein guter Tag für unser Land
Von Ulf Brychcy
Berlin - In Ostdeutschland steht eine neue Großinvestition bevor. Die Deutsche Post wird ihr europäisches Paket- und Warendrehkreuz am Flughafen Leipzig/Halle errichten. "Mit 10 000 Arbeitsplätzen wird unser Unternehmen einen bedeutenden Beitrag zur Stärkung der neuen Bundesländer und zum Aufbau Ost leisten", sagte Post-Vorstandschef Klaus Zumwinkel. Der Logistikkonzern mit Hauptsitz in Bonn will allein rund 3500 Stellen schaffen. "Weitere 7000 Arbeitsplätze werden erfahrungsgemäß im Umfeld unseres global tätigen Unternehmens in der Region Leipzig hinzukommen", teilte die Post weiter mit.Speditionen, Logistikfirmen und Lagerhausbetreiber werden, so die berechtigten Erwartungen, künftig die Nähe zum Luftdrehkreuz der Posttochter DHL suchen. Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) sprach von einem "Schneeballeffekt, den wir dringend gebrauchen können." Die Bundesregierung zeigte sich ebenfalls erfreut über die Ansiedlung in Leipzig.
Dies sei ein "guter Tag für Ostdeutschland und ein Vertrauensbeweis in die wirtschaftliche Leistungskraft des Standortes", sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Der Kanzler hatte Post-Chef Zumwinkel mehrfach gedrängt, diese wichtige Investition in Deutschland und nicht im Ausland zu tätigen. Die Entscheidung der Post, die mehrheitlich im Bundesbesitz ist, werde sowohl die Wirtschaftsregion als auch den Arbeitsmarkt erheblich verbessern, teilte Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) mit. Der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) lobte ebenfalls die Attraktivität des Standortes : "Das ist ein großer Tag für unser Land."
Die Festlegung der Deutschen Post kommt also keineswegs überraschend, die Süddeutsche Zeitung hatte bereits vergangenen Freitag darüber berichtet. Seit Tagen stand fest, dass sich der Flughafen Leipzig gegenüber dem letzten verbliebenen Konkurrenten Vatry in der französischen Champagne durchgesetzt hatte. Die Post muss ihren bisherigen europäischen DHL-Hauptumschlagsplatz in Brüssel aufgeben, weil belgische Politiker sich gegen den notwendigen Ausbau gesperrt hatten.
Die Deutsche Post will nun 300 Millionen Euro am Airport Leipzig/Halle investieren und Anfang 2008 das Drehkreuz eröffnen. Dann dürfte der Flughafen, der in diesem Jahr auf weniger als zwei Millionen Passagiere kommt und bislang im Luftfrachtgeschäft eine untergeordnete Rolle spielt, einen kräftigen Aufschwung erleben. Die Posttochter DHL rechnet im Jahr 2012 mit täglich mehr als 90 Starts und Landungen, die überwiegend in der Abend- und Nachtzeit vorgesehen sind.
Die Flughafengesellschaft, deren Haupteigner mit 67 Prozent das Land Sachsen ist, habe DHL für die nächsten 30 Jahre einen 24-Stunden-Betrieb garantiert, teilte die Post mit. Zudem habe die CDU/SPD-Landesregierung in Dresden weitreichende Zusagen für eine noch bessere Anbindung des Airports an das Straßen- und Schienennetz gemacht. Die Kosten werden der Bund und das Land tragen. Die wichtigste Maßnahme wird allerdings der Bau einer zweiten Landebahn sein. Das Planfeststellungsverfahren läuft bereits. Die Post kann zudem mit Investitionszuschüssen rechnen.
Der Logistikriese (40 Milliarden Euro Umsatz; 380 000 Mitarbeiter) hat sich auch deshalb für Leipzig entschieden, weil die Stadt im Gegensatz zum französischen Vatry deutlich näher an neuen EU-Mitgliedern in Osteuropa
angrenzt. "Leipzig wird nun Drehscheibe der Osterweiterung", sagte ein Postsprecher.
© Süddeutsche Zeitung 10.11.2004
"Ein großes Zeichen für den Aufbau Ost"
Post zieht mit DHL-Kreuz nach Sachsen - Konzernchef Zumwinkel sieht 10500 Arbeitsplätze
Interview: Thilo Boss / Maja Zehrt
Berlin. Post-Chef Klaus Zumwinkel lobt das schnelle und effiziente Verfahren zur Ansiedlung der DHL-Tochter in Leipzig/Halle und kündigte im Interview an, dass der Konzern auch im kommenden Jahr weiter wachsen wird.
Frage: Herr Zumwinkel, Sie wollen den Flughafen Leipzig/Halle als zentrales Drehkreuz in Europa ausbauen. Warum?
Klaus Zumwinkel: Weil das ein sehr guter Standort ist und wir an unserem bisherigen Drehkreuz Brüssel keine Expansionsmöglichkeiten haben. Das heißt.... ... dass wir jetzt in Belgien die Beratungsprozesse mit den
Gewerkschafts- und Belegschaftsvertretern abschließen. Wir wollen nach Sachsen gehen und wir gehen gerne dorthin.
Frage: Was sind die Gründe?
Klaus Zumwinkel: In der Region Leipzig/Halle finden wir hochmotivierte und gründlich ausgebildete Mitarbeiter. Das ist wichtig, weil wir 3500 Leute direkt beschäftigen wollen. Der Flughafen und die gesamte Infrastruktur sind hervorragend. Auch die Zusammenarbeit mit der sächsischen Staatsregierung, der Stadt, dem Regierungspräsidenten und dem Bundesverkehrsminister Stolpe ist glänzend. Kurzum, das ganze Verfahren war tipptopp.
Frage: Aber auch Bundeskanzler Gerhard Schröder wird sich doch für Leipzig stark gemacht haben?
Klaus Zumwinkel: Dass der Bundeskanzler unsere Absicht gut findet, davon gehe ich aus. Es ist ja ein großes Zeichen für den Aufbau Ost.
Frage: Und Belgien?
Klaus Zumwinkel: Hat es nicht geschafft, uns Bedingungen für eine wirtschaftliche Weiterentwicklung zu geben. Das war Grundlage für unser Vorgehen.
Frage: Konnten Sie als Mitglied der Deutschland AG denn überhaupt gegen Leipzig entscheiden?
Klaus Zumwinkel: Ja. Der Vorstandschef einer börsennotierten Aktiengesellschaft ist allein seinen Aktionären verpflichtet und niemand anderem. Wenn ich inkonsistente betriebswirtschaftliche Entscheidungen treffen würde, könnten mir die Aktionäre zurecht vorwerfen, dass ich dem Unternehmen schade.
Frage: Was bedeutet die Standort-Entscheidung Leipzig/Halle für Sie als deutschen Manager?
Klaus Zumwinkel: Als Deutscher freue ich mich richtig, und zwar gerade für die neuen Bundesländer. Ich habe die Wiedervereinigung als ureigenste Erfahrung mitgemacht, die DDR-Post mit der westlichen Post fusioniert. Das war eine ganz schwere Angelegenheit. Heute haben wir die modernste Infrastruktur - im Osten wie im Westen. Ich habe meinen West-Mitarbeitern damals gesagt: Niemand macht in unserem Unternehmen Karriere, wenn er nicht mindestens sechs Monate in den neuen Ländern gearbeitet hat. Am Anfang haben einige gemeckert. Als sie zurückkamen sagten sie: Das war die beste Zeit unseres Lebens.
Frage: Gibt es einen Standortvorteil Ost?
Klaus Zumwinkel: Nüchtern betrachtet: Der einzige und wesentliche sind die niedrigeren Löhne.
Frage: Obwohl Leipzig doch einen geografischen Vorteil gegenüber Vatry hat?
Klaus Zumwinkel: Nein, das Gegenteil ist der Fall. In Leipzig müssen wir sogar ein bisschen um die Ecke fliegen. Die meisten Cargofrachten kommen nämlich aus England, Frankreich, den Beneluxländern und Nordrhein-Westfalen. So verlieren wir auf der Strecke Leipzig-New-York 20 Minuten im Vergleich zu Brüssel. Doch das wird durch niedrigere Arbeitskosten wettgemacht.
Frage: Sie haben also mit den Gewerkschaften bereits Einigung erzielt?
Klaus Zumwinkel: Wir sind im Gespräch. Und wir werden Einigungen erzielen, die zum Vorteil der zukünftig Beschäftigten und des Unternehmens sind. Da bin ich sehr optimistisch. Im Übrigen sind die Menschen in Sachsen sehr motiviert. Das kann ich sagen, weil wir schon heute Tausende von Mitarbeitern haben, die dort sehr gut arbeiten.
Frage: Verdi wirft Ihnen mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Durch die Integration von DHL in den Post-Konzern stehen viele Jobs auf dem Spiel.
Klaus Zumwinkel: Wir haben zwei Gesellschaften integriert: Die nationale Expressgesellschaft und die internationale DHL. Das hat einige Stellen gekostet. Aber wir haben eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat erzielt. Die Mitarbeiter, deren Stellen durch die Zusammenlegung entfallen, wollen wir bei der großen Post AG unterbringen.
Frage: Wie viele Stellen sind das?
Klaus Zumwinkel: Insgesamt standen bis zu 1600 in Frage.
Frage: In Leipzig wollen Sie rund 10000 neue Jobs schaffen. Wie das?
Klaus Zumwinkel: In Brüssel arbeiten bei uns 3000 Mitarbeiter. Da wir stark wachsen, werden wir auch Stellen schaffen. In Leipzig beginnen wir 2007 mit dem Probebetrieb, der erste echte Start ist 2008 geplant. Bis dahin sollen dort 3500 direkte Arbeitsplätze entstanden sein. Hinzu kommt die Faustregel: Auf einen direkten kommen zwei indirekte Arbeitsplätze - also 7000 weitere. Was Opel in Deutschland abbaut, bauen wir wieder auf.
Frage: Ist der Lärmschutz ein großes Problem?
Klaus Zumwinkel: Nein. Wir werden alle gesetzlichen Auflagen erfüllen. Außerdem wohnen in Leipzig viel weniger Menschen in der Einflugschneise als in Brüssel. Trotzdem stört der Motorenlärm. DHL hat vor zwei Jahren eine Milliarde Euro in den geräuschärmsten Flugzeugtyp für die Cargoluftfahrt investiert. Die Boeing 757 ist das leiseste Flugzeug der Welt. Das sagt alles.
Frage: In letzter Zeit haben sich Großkunden bei Ihnen über mangelnde Qualität beschwert. Grund sind unqualifizierte Subunternehmer, die Sie - um Kosten zu sparen - anstelle der gut ausgebildeten DHL-Kuriere einsetzen.
Klaus Zumwinkel: Das Gerücht wird durch Mitarbeiterfunktionäre und Wettbewerber gestreut. Wir lassen bei der Qualität nicht nach. Die meisten Kuriere haben Subunternehmer beschäftigt. Das ist ein Franchisesystem wie bei McDonalds. Die Subunternehmer müssen natürlich den gleichen Qualitätsanforderungen entsprechen wie die eigenen Mitarbeiter.
Frage: Also gab es keine Beschwerden?
Klaus Zumwinkel: Wo Menschen arbeiten, geht immer mal was schief.
Frage: Sie kommen gerade von einer Krisensitzung in den USA. Trübt das die Freude über DHL in Deutschland?
Klaus Zumwinkel: Nein. In den USA mussten wir handeln, weil wir Verluste schreiben. Die werden wir aber in zwei Jahren überwunden haben.
Frage: Es gab einen Personalwechsel: Uwe Dörken, bislang zuständig für DHL in den USA, muss gehen. Haben Sie die Reißleine gezogen?
Klaus Zumwinkel: Er wird andere Aufgaben für den Konzern wahrnehmen. John Müllen, der seit 20 Jahren in Asien sehr erfolgreich war, wird seinen Job übernehmen.
Frage: Ihr Ziel, mit DHL weltweit der Logistik-Konzern Nummer Eins zu werden, ist nicht gefährdet?
Klaus Zumwinkel: Nein. In den USA haben wir die Verluste erwartet. Dafür machen wir in China und Japan sehr viel stärkere Gewinne. Dort gibt es phänomenale Wachstumsraten.
Frage: Sie haben in den USA nur einen Marktanteil von acht Prozent. Sind Sie damit zufrieden?
Klaus Zumwinkel: Ja, damit können wir gutes Geld verdienen. Seit letzter Woche haben wir ein komplettes Boden-Netzwerk, können Pakete mit Lastwagen überall hin transportieren. Und mit Airborn besitzen wir ein Netzwerk in der Luft. Diese beiden Systeme werden jetzt zusammen geschaltet, und das kostet natürlich eine Menge Geld.
Frage: Mit welcher Strategie wollen Sie FedEx und UPS auf dem US-Markt knacken?
Klaus Zumwinkel: Weißt heißt knacken? Es sind unsere Konkurrenten und wir sind auch finanziell stark genug, gegen Sie anzutreten.
Frage: Die Kriegskasse...
Klaus Zumwinkel: ... reicht aus, um zu wachsen. Im vergangenen Jahr wurde ein Gewinn vor Steuern und Abschreibungen von fast drei Milliarden Euro erzielt.
Frage: Werden Sie das Ergebnis halten?
Klaus Zumwinkel: Wir wollen in diesem Jahr das Ergebnis zwischen 7,5 und 12,5 Prozent steigern. Die Zahlen der vergangenen neun Monate haben uns bestätigt. Nächstes Jahr planen wir einen operativen Gewinn von 3,6 Milliarden Euro.
© Leipziger Volkszeitung, 10.11.2004
DREI FRAGEN
an Ullrich Hellemann, Direktor des Instituts für Empirische
Wirtschaftsforschung der Uni Leipzig
Herr Heilemann, wie bewerten Sie die Ansiedlung von DHL? Die Entscheidung für Leipzig/Halle ist ein wichtiger Triumph im internationalen Standort-Wettbewerb. Neben der Signalwirkung und der Stärkung des Logistik-Clusters in Leipzig profitiert die Region ganz unmittelbar.
Unterstellt man für jeden der 3500 neu geschaffenen DHL-Arbeitsplätze einen Durchschnittslohn von 25000 Euro pro Jahr, entsteht daraus ein Einkommensimpuls von reichlich 75 Millionen Euro. Die werden zum Großteil auch hier wieder ausgegeben, so dass Handel und Dienstleister profitieren.
Allein in diesem Sektor rechne ich noch einmal mit 1300 Jobs - von den Wirkungen auf andere Branchen und für Stadtund Staatssäckel mal ganz abgesehen.
Die 70 Millionen Euro Fördermittel, die der Freistaat bei der EU für DHL losgeeist hat, sind also gut investiert?
In jedem Fall. Die Ansiedlung ist ein Paradebeispiel dafür, dass sich langfristige Investitionen in Verkehrsinfrastruktur auszahlen. Hätte der Flughafen nicht die heutige Größe - mitsamt Autobahn- und Bahn-Anschluss - DHL wäre nicht in Leipzig gelandet. Insofern ein Kompliment an Planer und Wirtschaftsförderung, die beim Großprojekt auch die Belange der Kleinen
nicht außer Acht gelassen haben.
Die Anwohner fürchten den Fluglärm. Wenn DHL 2008 ab Leipzig fliegt, sind die Triebwerke wohl noch ein ganzes Stück leiser. Im Vergleich, zu den immensen wirtschaftlichen Vorteilen für die Region insgesamt halte ich den Lärm für ein Nebenproblem, das zu lösen ist.
Interview: Lars Radau© Leipziger Volkszeitung 10.11.2004
Brüssel fürchtet um Jobs
Brüssel. Während die DHL Entscheidung für Leipzig mit tausenden neuen Jobs verbunden ist, droht am Frachtflughafen Brüssel-Zaventem ein Stellenabbau. DHL will zwar seine Aktivitäten in Brüssel bis 2008 auf dem heutigen Niveau halten. Eine Arbeitsplatzgarantie gibt es aber laut Gewerkschaften in Belgien nicht.
Bereits im Oktober hatte die Tochter der Deutschen Post bekannt gegeben, ihr europäisches Drehkreuz von Brüssel abzuziehen. Grund: fehlende Planungssicherheit für das nötige Wachstum. DHL hatte ultimativ die Genehmigung von 34000 Nachtflügen pro Jahr gefordert, während Brüssel dem Paketdienst nur eine Aufstockung von 15000 auf 22000 Starts und Landungen genehmigen wollte. In Belgien hatte es darüber erbitterte Auseinandersetzungen gegeben, an denen die Regierungskoalition auseinander zu brechen drohte. Hinter einer Ausweitung der Nachtflüge stand die flämische Regionalregierung, in deren Zuständigkeit der Flughafen
Brüssel-Zaventem liegt. Hingegen hatte sich die frankophone Regionalverwaltung Brüssels auf die Seite betroffener Bürger gestellt. Erschwerend für die Verhandlung war, dass innerhalb der verschiedenen Regionen unterschiedliche Lärmvorschriften gelten.
Letztlich währt der Streit schon lange, ein klares Signal an DHL blieb indes aus. Im Gerangel um eine gerechtere Verteilung der Nachtflüge des stadtnahen Brüsseler Flughafens blieb die Rettung von Arbeitsplätzen nur noch
Wunschdenken. Mit - wie die Presse in Brüssel schreibt - "fatalen sozialen Folgen". Im Unterschied zum Wachstumsmotor Flandern sehen sich Brüssel und Wallonien seit Jahrzehnten mit hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert.
Mit dem DHL-Abzug wird das bisherige Europa-Drehkreuz Zaventem zum regionalen Umschlagpunkt der Beneluxländer zurückgestuft. Das bedeutet, dass 1400 in Aussicht gestellte Jobs nicht kommen und langfristig Arbeitsplätze auf dem Flughafen sowie bei Zulieferern bedroht sind, da andere Logistik-Betriebe der Deutschen-Post-Tochter in Richtung Leipzig folgen dürften.Andreas Dunte
© Leipziger Volkszeitung 10.11.2004
Bei der Bahn geht die Post ab
Ein wesentlicher Teil der DHL-Fracht wird über die Schiene weiter transportiert werden. "Wir haben zwar eine hervorragende Infrastruktur, viel Platz und eine großes Arbeitskräftepotenzial in der Region, aber eigentlich liegen wir im Schnitt 400 Kilometer vom Frachthauptaufkommen der Post-Tochter DHL entfernt", sagt Volkmar Stein. Der Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughafen AG meint vor allem die Regionen Frankfurt am Main, Hamburg und München. Ein - wenn auch vorübergehender - Standortnachteil, den das Airport-Management früh erkannt hat und, wie Stein sagt, "in einen Vorteil umzuwandeln versucht". Mit der DHL-Ansiedlung in Leipzig wird deshalb auch für die Bahn die Post abgehen.
Herzstück der erfolgreichen Leipziger Bewerbung für die DHL-Ansiedlung ist deshalb die Verknüpfung von Luft- und Schienenverkehr. In Brüssel, dem derzeitigen europäischen Drehkreuz von DHL, wird über die Hälfte der
ankommenden Fracht auf Passagiermaschinen umgeladen. In Schkeuditz ist dies auf Grund noch geringerer Linienflüge nicht möglich. Der Weitertransport per Bahn kommt DHL nach den Worten von Stein entgegen.
Immer-hin ist der mit dem Flieger transportierte Brief fast zehnmal teurer als der auf der Straße. Und die Bahn sollte hier ernsthaft eine Alternative sein, so Stein, "obendrein verlässlicher und schneller".
Post-Sprecher Martin Dopychai bestätigte gestern, dass der Konzern grundsätzlich anstrebt, dort, wo es möglich ist, den Schienentransport verstärkt zu nutzen. "Insofern passt Leipzig in unsere Strategie", sagte Dopychai. Allerdings konnte er noch keine konkreten Angaben darüber machen, welches Volumen DHL von Schkeuditz aus per Zug weitertransportieren wird. Grundsätzlich plant das Unternehmen, auf dem Flughafen Leipzig/Halle bis 2007 gut 1500 Tonnen Fracht pro Nacht umzuschlagen und bis 2012 rund 2000 Tonnen.
Nach den Worten Steins ist der Flughafen auf die Deutsche Bahn zugegangen und "auf offene Ohren" gestoßen. Der Transportriese entwickelt neuartige Waggons, die von Hochgeschwindigkeitsloks gezogen werden. Diese Güterzüge sollen Tempo 200 erreichen und leicht mit den in der Luftfracht üblichen Containern zu beladen sein.
Nach Informationen dieser Zeitung prüft die Bahn derzeit die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens, erst dann gehen die Aufträge an die Bahnindustrie raus. Aus der Zentrale der DB AG heißt es lediglich: "Wir begrüßen die Entscheidung von DHL, nach Leipzig zu gehen." Das Vorhaben werde auch die Bahn erheblich aufwerten, teilte das Unternehmen gestern mit.
Ein Blick in den Planfeststellungsbeschluss zeigt, wo die Reise hingehen kann: Am Schkeuditzer Airport ist für die Verknüpfung von Flugzeug und Bahn bereits ein Luftfrachtbahnhof mit eigener Be- und Entladetechnik geplant. Dazu wollen die Airportmanager ein ungenutztes Gleis im Schkeuditzer Bahnhof wiederbeleben. Dieses wird zunächst parallel zur Eisenbahnstrecke und anschließend über die Bundesstraße 6 weiter geführt. Dafür ist ein 75 Meter langer Brückenneubau vorgesehen. Im weiteren Verlauf werden die Züge dann in den Südbereich des Flughafens zum DHL-Gelände geleitet. Neben den Gleisen werden Schienen für sogenannte Hublifter verlegt, die die Züge mit Containern bestücken. Klappt alles, wird mit Be- und Entladezeiten für einen 350 Meter langen
Zug von 15 Minuten gerechnet. Damit, so ein Insider, mache die Bahn der Straße ernsthafte Konkurrenz. Laut Planfeststellungsbeschluss soll das Frachtgleis an die Neubaustrecke Halle/Leipzig-Erfurt angeschlossen werden. Der Baubeginn für den Gleisanschluss sei für das Jahr 2005 vorgesehen. Aufgrund der Planung und der Tatsache, dass die meisten Züge mit DHL-Fracht voraussichtlich in Richtung Frankfurt/Main abgehen werden, rückt der Aus- und Neubau der ICE-Trasse über Leipzig nach Erfurt wieder in das Blickfeld. Nach dem Olympia-Aus für Leipzig war ein früherer Fertigstellungstermin der Hochgeschwindigkeitsstrecke in weite Ferne gerückt. Mit DHL dürfte das jetzt ganz anders aussehen.
Ein erstes positives Signal kam aus Erfurt: Die Deutsche Bahn will den Umbau des Bahnhofs in der Thüringer Landeshauptstadt beschleunigen und stellt dafür zehn Millionen Euro bereit. Mit dem Geld aus Eigenmitteln solle der Gleisbau vorfinanziert werden, hieß es. Damit ließen sich weitere Verzögerungen bis zur Unterzeichnung der entsprechenden Finanzierungsvereinbarung zwischen Bund und Bahn überbrücken. Der Umbau zum ICE-Bahnhof soll 2007 abgeschlossen sein, anderthalb Jahre später als ursprünglich geplant. Mit dem Neubau der Trasse Leipzig/ Halle-Erfurt würde sich die Fahrzeit in Richtung Frankfurt am Main erheblich verkürzen.
Sabine Schanzmann/Andreas Dunte
© Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag, 11. November 2004
Konzept verspricht ruhigen Schlaf
Neubau der südlichen Landebahn am Flughafen Leipzig/Halle: Modernste Erkenntnisse berücksichtigt
GUNTHER IMMENHOFF
Leipzig/MZ. Mit einem neuartigen Lärmschutzkonzept will das Regierungspräsidium Leipzig die Belastungen der Anwohner des Flughafens Leipzig/Halle und der Menschen in den Einfluggebieten in Sachsen und Sachsen-Anhalt minimieren. Durch die Auflagen verdoppelt sich in etwa das sogenannte Nachtfluggebiet, in dem der Flughafen für passiven Lärmschutz sorgen muss. In diesem Bereich, der in Sachsen-Anhalt bis in den Raum Schkopau / Hohenweiden reicht, müssen bei nachgewiesenen Belastungen auf Kosten des Flughafens zum Beispiel Schallschutzfenster eingebaut werden. Das Konzept ist Teil des Planfeststellungsbeschlusses, mit dem die Behörde vorgestern Baurecht für den Neubau der südlichen Startund Landebahn für ein Frachtdrehkreuz erteilt hat. Geplant ist der Neubau der südlichen Landebahn für rund 290 Millionen Euro. Sie soll in 3600 Metern Länge parallel zur Nordbahn gedreht werden.
Studie: Neue Erkenntnisse des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) wurden in das Konzept einbezogen. Nach Aussagen von Leipzigs Regierungspräsidenten Christian Steinbach wird der Luftfracht-Knotenpunkt nur zugelassen, "wenn gleichzeitig ein ruhiger Schlaf der Anwohner sicher gestellt ist".
Aufwachreaktion: Das DLR-Institut hat die die Wirkung nächtlichen Fluglärms auf den Schlaf der Menschen untersucht. Dabei wurde nicht ein Durchschnitts-Schallpegel zugrunde gelegt, wie bisher üblich, sondern eine mathematische Formel, die die Lautstärke und deren Häufigkeit ins Verhältnis stellt. Die Studie zeigt, dass auch niedrige Schallpegel den Schlaf stören. Auch ohne Fluglärm treten "Aufwachreaktionen unter Laborbedingungen im Mittel 24mal pro Nacht auf. Bei diesen Reaktionen wird man nicht bewusst wach. Das Regierungspräsidium macht zur Auflage, dass durch Fluglärm im Mittel weniger als nur eine zusätzliche Aufwachreaktion auftreten darf. Ein "erinnerbares Aufwachen" muss sogar gänzlich ausgeschlossen werden.
Wiedereinschlafen: Erstmals wurden auch Anforderungen an den Schallschutz im Bezug auf ein Wiedereinschlafen unter den Bedingungen eines Frachtdrehkreuzes berücksichtigt. Das Regierungspräsidium behält sich vor, Erkenntnisse einer Studie, die derzeit noch läuft, später in den Auflagen für das Bauprojekt zu berücksichtigen. Vorsorglich wurden Maßnahmen verfügt, die sonst erst bei einer Verdopplung des erwarteten Luftverkehrs erforderlich wären.
Übernahme: Der Flughafen wird auf Wunsch der Hausbesitzer zur Übernahme von Grundstücken zum Verkehrswert verpflichtet, wenn nachts ein Dauerschallpegel von 58,7 Dezibel erreicht wird.
© Mitteldeutsche Zeitung 06.11.2004
