Offener Brief der „ Interessengemeinschaft für ein Nachtflugverbot am Flughafen Leipzig/Halle“
Leipzig, 20.10.2004
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Gerhard Schröder,
mit großer Sorge haben in der Region Leipzig / Halle viele Anwohner auf die Pläne reagiert, den Flughafen Leipzig-Halle mit der Ansiedlung der Post-Tochter DHL zum größten Frachtdrehkreuz Europas auszubauen.
Die geplanten 34 000 Fracht-Nachtflüge pro Jahr, das sind 93 Flüge pro Nacht, bedeutet nach unserer Einschätzung, dass ca. 100 000 Menschen, mit unterschiedlicher Gewichtung, vom Fluglärm der Frachtflieger betroffen sein werden.
Das Recht des Menschen auf einen guten Nachtschlaf wurde in einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Jahre 2001 festgestellt. Unsere Interessengemeinschaft wehrt sich gegen eine uneingeschränkte Nachtflugerlaubnis sowie die 30-jährige Garantieeinräumung, wie dies von der DHL für den Flughafen Leipzig/Halle gefordert wird. Wir sind festen Willens, wenn notwendig, den Klageweg zu beschreiten.
Begründung:
Gesundheitsbeeinträchtigungen
Die gesundheitsschädigende Wirkung des Nachtfluges auf Erwachsene und Kinder wird in zahlreichen Studien, auch in der des Bundesumweltamtes aus dem Jahre 2000, beschrieben. Darin heißt es u.a., dass ab 55 dB(A) nachts Gesundheitsbeeinträchtigungen in Form von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erwarten sind. Unserer Meinung nach ist in Abhängigkeit vom Fluggerät mit einer wesentlich höheren Lärmbelastung zu rechnen. Wir haben deshalb Angst um unsere Kinder und um kommende Generationen.
Ist es zu verantworten, dass die fragliche wirtschaftliche Entwicklung des Flughafens Leipzig /Halle über der Gesundheit der betroffenen Bürger steht?
Verschwendung von Steuermitteln
Im März 2000 wurde am Flughafen Leipzig-Halle eine neue hochmoderne Landebahn in Betrieb genommen. Die Auslastung dieser Bahn liegt bei nur ca. 25 Prozent. Für die Ansiedlung von DHL soll nun eine zweite 3600 Meter lange Landebahn gebaut werden.
300 Millionen Euro Steuergelder sollen investiert werden.
Ist es zu verantworten, dass trotz knapper öffentlicher Mittel und der hohen Verschuldung des Bundes, der Länder und der Gemeinden der Bau einer zweiten Start- und Landebahn mit einem derartigen Kostenvolumen realisiert wird?
Frachtflug als Rettungsanker
Der Flughafen Leipzig-Halle befördert bisher jährlich ca. 1,9 Mio. Menschen und prognostiziert 13 Mio. Passagiere für das Jahr 2015. Wo diese gigantischen Passagierzahlen herkommen sollen, sagt bisher keiner. Zum Vergleich: Berlin prognostiziert für den Flughafen Schönefeld 6,5 Mio. Fluggäste pro Jahr. Der Frachtflug mit all seinen negativen Auswirkungen soll in Leipzig offenbar als Rettungsanker dienen.
Ist es zu verantworten, dass wegen langjähriger Fehlplanungen am Flughafen Leipzig/Halle nun der gesundheitsschädigende Frachtflug die wirtschaftliche Wende für die Flughafenbetreiber bringen soll?
Hoher Wertverlust des Wohneigentums
Für viele Menschen ist ihr Wohneigentum gleichzeitig ihre wichtigste Altersvorsorge. Deren Bedeutung wird von der Bundesregierung immer wieder betont. Der massive nächtliche Frachtflug am Flughafen Leipzig/Halle würde unweigerlich einen immensen Wertverlust der Wohnimmobilien zu Folge haben.
Ist es zu verantworten, dass tausende Bürger in der Region Halle–Leipzig um einen hohen Anteil ihres Vermögens und damit auch um einen Teil ihrer Altersvorsorge gebracht werden?
Arbeitsplatzzahlen sind nicht untermauert
Angeblich sollen bei einer Ansiedlung von DHL bis zu 1400 Arbeitsplätze geschaffen werden. Klare und perspektivische Planungen gibt es aber anscheinend nicht.
Unserer Meinung nach zerstört der Ausbau des Frachtfluges längerfristig sogar Arbeitsplätze. Denn durch die hoch subventionierten Transportmöglichkeiten können noch mehr wertvolle Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden. Dies ist in einem Gutachten belegt.
Ist es zu verantworten, dass unter dem Vorwand „Schaffung von Arbeitsplätzen“ gesundheitsschädigende Vorhaben in den neuen Ländern durchgesetzt werden, die so in den alten Bundesländern und in vielen Staaten der EU nicht mehr realisierbar sind?
Fazit:
Wir gehen davon aus, dass die Politik und insbesondere die Politiker das Schutzbedürfnis der Bevölkerung zu würdigen und zu vertreten haben. Eine solch einseitige Vorgehensweise, wie wir sie in diesem Fall hier in Sachsen erleben, ist weder wirtschaftlich noch fiskalisch sinnvoll, birgt enorme nicht kalkulierbare Folgekosten für die öffentliche Hand, bringt nicht die erhoffte arbeitsmarktpolitischen Auswirkungen und schädigt die betroffenen Menschen in hohem Maße.
Deswegen bitten wir sie eindringlich
- dazu beizutragen, dass die 300 Millionen Euro Investitionssumme aus Steuergeldern nicht in dieses unüberschaubare Megaprojekt, sondern in die direkte Förderung des Mittelstandes fließen.
- die Pläne von Bundesumweltminister Jürgen Trittin - in der Novelle zum neuen Fluglärmgesetz einen Lärmeinzelpegel von maximal 55 dB(A) festzulegen -
nachhaltig zu unterstützen.
- unsere Sorgen und Ängste hinsichtlich der massiven Belastungen durch Nachtflug
in ihre politischen Entscheidungen einzubeziehen und sich für ein Nachtflugverbot einzusetzen.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Kante Dr. Jörg Schilling Walter List Dr. Michael Richter Alfred Wiesner
Sprechergremium der Interessengemeinschaft für ein Nachtflugverbot am Flughafen Leipzig/Halle
www.nachtflugverbot-leipzig.de
