Leserbriefe in der LVZ Delitzsch-Eilenburg vom 28.10.04:

 

DHL-Ansiedlung erhitzt die Gemüter

 

Danke. Endlich hat uns ein CDU-Mann, der sich selbst Volksvertreter nennt, seine Auslegung des Grundgesetzes erläutert. Wenn Bürger ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte wie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit in Anspruch nehmen, werden sie mit dem Stempel Arbeitsplatzvernichter in die Ecke gestellt, die keinen Widerspruch duldet, denn wir sind eine Initiative gegen Arbeitsplätze“. Ein Volksvertreter, der so argumentiert, ist keiner, denn er will dem lästigen Bürger vorschreiben, was er zu denken und zu glauben hat. Diesen Gefallen werden wir ihm nicht tun. Die Sorgen um die Vernichtung der Existenz — wer will

in einem Hotel schlafen oder in einem Restaurant sitzen, über dem Frachtfiugzeuge donnern? Um die Vernichtung von Sparvermögen und Lebenskapital — wer will eine Wohnung oder ein Haus in einer Einflugschneise kaufen oder mieten? All das zählt für ihn offenbar überhaupt nicht. Er gesteht uns nicht das Recht zu, auf diese Gefahren hinzuweisen und die schwerwiegenden Argumente in die Waagschale zu legen — er bat vorher entschieden.

Während andere Flughäfen ihre Nachfluggenehmigungen auslaufen lassen oder gar nicht erteilen, siehe Neubau Berliner Großflughafen, schreien wir danach und finanzieren das ganze noch großzügig aus Steuermitteln und Förderprogrammen, während in Schulen gespart wird.

Ich wäre bereit zu wetten, dass nur ein Bruchteil der angeblich 3000 Arbeitsplätze

kommt, denn DHL wird die „Umzugsspenden“ auch dazu benutzen, um billige Technik an die Steile teurer Arbeitskräfte zu setzen, außerdem nennt DHL diese Zahlen nie selbst — es sind Wunschträume, die uns die Entscheidung versüßen sollen. Auch die angeblich hohen

Lärmschutzauflagen des Flughafens sind nicht glaubwürdig, es gibt keine leisen Frachtmaschinen. Warum nur gibt Brüssel nicht die gewünschten Genehmigungen, denn auch dort verlieren Leute ihren Job. Ich glaube, die belgischen Volksvertreter haben erkannt, was wichtiger ist: Lebensqualität oder Geld beziehungsweise Dividenden.

Wir werden uns jedenfalls nicht davon abhalten lassen, gegen diesen Wahnsinn zu

kämpfen. Das sind wir auch unseren Kindern schuldig, denn sie tragen 30 Jahre die Lasten dieser Entscheidungen, unsere Volksvertreter sind dann im Ruhestand oder nicht mehr gewählt.

 

Ilona Große.

Taucha/Pönitz

 

 

Ich lese seit einiger Zeit verstärkt Meinungsäußerungen zur möglichen Ansiedlung der DHL am Flughafen Halle/Leipzig. Das Pro und Contra lässt sich ganz einfach teilen, bin ich betroffen oder nicht. Ob sich der CDU-Stadtrat Böttcher für die Ansiedlung in die Bresche geworfen hätte, wenn er selbst in der Einflugschneise wohnen würde, möchte ich bezweifeln. Wie soll denn der vorgeschlagene Kompromiss aussehen? Ein bisschen Nachtflug oder nur jeden zweiten Tag? Wenn die Flieger kommen, dann kommen sie mit allem, was dazu gehört. Auch die Beschwichtigungen der Flughafendirektion betreffs strenger Lärmschutzauflagen: Wie soll das aussehen? Will man im weiteren Umland Messstationen errichten und Flugzeuge, die lauter als vorgegeben sind, zurückschicken oder einen lärmdämmenden Zwischenhimmel einziehen? Schon jetzt halten die Flugzeuge die Flugkorridore nicht ein. Will man die entstandenen Arbeitsplätze den Lärmbetroffenen anbieten? Denn die arbeiten ja dann, wenn die Maschinen starten und landen. Vielleicht möchten die von DHL Profitierenden einen Fonds einrichten und denen, die Wertminderungen hinnehmen müssen, die Verluste ausgleichen. Es muss doch allen klar sein, DHL interessiert sich nur für Leipzig, wenn sie alle Vorteile auf ihrer Seite haben. Und ich möchte nicht zu denen gehören, die nur die Nachteile hinnehmen müssen.

 

Detlef Reinhardt.

Neu-Schladitz

 

 

Zutiefst empört haben wir den Leserbrief des Delitzscher Stadtrates Manfred Böttcher gelesen. Woher nimmt er die Frechheit, die Interessengemeinschaft für ein Nachtflugverbot als eine Initiative gegen Arbeitsplätze zu bezeichnen, die nur zu diesem Zweck entstanden

sei? Das hat nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun, sondern erfüllt unserer

Meinung nach schon den Straftatbestand einer üblen Nachrede.

Herr Böttcher, Ihnen zur Information: Die Interessengemeinschaft ist aus mehreren hundert Bürgern entstanden, über deren Köpfe hinweg Politiker Entscheidungen fällen, deren Tragweite heute noch nicht einmal ansatzweise absehbar ist. Die Zahl von 3000 Arbeitsplätzen entspringt entweder Ihrer blühenden Phantasie oder kursierenden Gerüchten. Weder die Deutsche Post noch das Frachtunternehmen DHL geben diese Zahl in der Öffentlichkeit an. Können Sie sich vorstellen, dass die vom Fluglärm betroffenen Bürger in

den Gemeinden voller Angst und Sorge in die Zukunft blicken? Der Flughafen hat nach eigenen Angaben zur Zeit etwa 4000 Nachtflugbewegungen pro Jahr. DHL fordert allein mindestens 34 000 Nachtflüge. Bis zum Jahr 2015 avisiert der Flughafen 124 000 Flugbewegungen, davon 40 Prozent nachts. Das wäre dann das 13-fache an Nachtflügen gegenüber heute. 138 mal würden dann die Flugzeuge nachts über unsere Köpfe fliegen, doch schon jetzt wird man in der Nacht mehrmals vom Flugzeuglärm geweckt. Herr Malitzke, Geschäftsführer des Flughafens, sprach von Lärmmittelungspegeln von unter 50 dB(A) außerhalb eines Hauses, und in geschlossenen Räumen mit angekippten Fenstern von

nur 35 dB(A). „Da wird niemand aus dem Schlaf gerissen“, so Malitzke. Bewusst wird in der Öffentlichkeit von viel zu geringen Lärmpegelwerten gesprochen, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern und in dem Glauben zu lassen, es werde alles schön nicht so schlimm.

Herr Böttcher, haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, warum in Brüssel so heftig um eine Ausweitung der Nachtflüge gestritten wird? Der Nachtfluglärm hat die in der Umgebung des Flughafens wohnenden Menschen krank gemacht. Der Stadtrat von Brüssel stellt sich hinter seine Bevölkerung und will die Menschen vor noch mehr Nachtfluglärm

schützen. Nicht so in Deutschland. Politiker aller Parteien schreien nach DHL und schmieren ihr Honig um den Bart. Ja, sie geben DHL sogar eine Garantie über 30 Jahre, dass es zu keinerlei Einschränkungen in der Nachtflugerlaubnis kommen werde. Ohne Skrupel wird

auch über die nächste Generation geurteilt.

Die neu gebaute Landebahn Nord hat eine Auslastung von 25 Prozent. Andere

Flughäfen in Deutschland bewegen ein Mehrfaches an Passagier- und Frachtaufkommen auf nur einer Startund Landebahn. Aber nicht so in Leipzig/Halle. Statt durch Innovation die Passagierzahlen zu steigern, wird jetzt alles auf die Fracht gesetzt, damit irgendwann der Flughafen aus seinen roten Zahlen kommt. Alle Anteilseigner, einschließlich des Bundes, sind eigentlich pleite, aber 300 Millionen Euro lassen sich doch noch irgendwie auftreiben. Das dies nur über eine weitere Neuverschuldung zu finanzieren ist, interessiert die Politiker nicht.

Worin besteht denn Ihr Kompromiss mit fairem Interessenausgleich, Herr Böttcher?

Wir sollen uns alles widerstandslos gefallen lassen, und dafür bekommen wir ein paar Lüfter (ohne Stromverbrauchsbeteiligung durch den Flughafen) spendiert.

Wir sollten der Interessengemeinschaft für ein Nachtflugverbot lieber dankbar sein,

dass sie sich in ihrer Freizeit der Ängste und Sorgen der Lärm betroffenen Bürger annimmt. Die IG ist nicht gegen den Ausbau des Flughafens, aber sie ist gegen eine gigantische Verschwendung von Steuergeldern zu Lasten der Steuerzahler. Wenn ein EU-weites Nachtflugverbot wie geplant kommt, soll es auch für Leipzig/Halle gelten.

            Jetzt, wo die Entscheidung zur DHL-Ansiedlung scheinbar gefallen ist, heucheln die

lokalen Politiker Interesse für die betroffenen Anwohner und signalisieren Gesprächsbereitschaft. Was für ein Hohn!

 

Katrin und Thomas Pohl,

Rackwitz

 

Mit Bestürzung musste ich lesen, wie Volksvertreter aus der Politik Befindlichkeiten betroffener Menschen mit Füßen treten. Es wird bewusst mit falschen Zahlen hantiert. Die Schaffung von 3000 Arbeitsplätzen wird bejubelt, obwohl in einem Wirtschaftsgutachten, welches dem Regierungspräsidium in Leipzig vorliegt, von maximal 1400 schaffenden Arbeitsplätzen ausgegangen wird. In der Bevölkerung der Region werden damit falsche Hoffnungen geweckt. Meiner Meinung sind selbst diese Arbeitsplatzzahlen utopisch, da es sich höchstwahrscheinlich zum größten Teil nur uni schlecht bezahlte Teilzeitarbeitsplätze

handelt, weiche vornehmlich zur Transportlogistik für wenige Stunden in der Nacht dienen.

            Ganz außer Acht gelassen wird, dass in Folge erhöhten Fluglärms mittelfristig in der

Region Arbeitsplätze in Größenordnungen im Gaststätten- und Hotelgewerbe in Gefahr sind. Welcher Mensch nächtigt noch in einem Hotel, wenn er weiß, dass er über 80-mal in der Nacht durch Flugiärm aus dem Schlaf gerissen werden kann? Den Gipfel der Instinktlosigkeit

leistet sich Landrat Czupalla, welcher den betroffenen Bürgern zusichert, auf sie zuzugehen. Hatte er nicht schon genügend Gelegenheit dazu? Er hätte sich schon längst über unsere Ängste ein Bild machen können.

            Stark zu denken gibt mir, dass die Grundlage der Entscheidung für den Flughafen Leipzig/Halle Zugeständnisse des Bundes an DHL sein sollen. Welche Zugeständnisse werden das wohl sein? Für mich sind diese unausgegorenen Verhaltensweisen von unseren Politikern erschreckend. Sie setzen ohne Mühe unsere Gesundheit aufs Spiel.

 

Frank Janouschek,

Podelwitz

 

Aus den letzten Artikeln zur neuen Start- und Landebahn am Flughafen Schkeuditz für die Aufnahme der Postfracht (DHL) aus Brüssel wird immer deutlicher, dass die Entscheidung dafür auf hoher politischer Ebene schon längst getroffen wurde. Das Planfeststellungsverfahren war und ist aus heutiger Sicht doch wohl mit einem Schauspiel zu vergleichen, um sich den „Mantel“ der Demokratie umhängen zu können. Lautstark hatte man damals dementiert, dass in Brüssel dazu bereits Gespräche stattgefunden haben, keiner wollte

wissen, wer diesen Flughafen vorgeschlagen hat. Heute wird offenkundig, dass über den Bundesfinanzminister Hans Eichel (Mitglied im Aufsichtsrat von DHL), über den Ministerpräsidenten Georg Milbradt bis zum Landrat Michael Czupalla die entscheidenden politischen Ebenen lange eingeweiht waren. Hinzu kommt, dass man eine Menge Fördergelder aus mehreren Töpfen bekommt. Für eine Fehlkalkulation darf der Bürger dann weiter bezahlen, siehe Auslastung der Nordbahn. Ins jetzige Gesamtbild fügt sich auch ein, dass man einer Bürgerinitiative versprochen hat, alle geforderten Maßnahmen zu erfüllen, wenn sie nicht gegen das Nachtflugverbot ist. Was aber wird mit den anderen Bürgern und deren Grundstücken? Denn Tatsache ist doch, dass von denen, die für diese Nachtflüge sind, kaum einer direkt davon betroffen ist. Zu dem Fluglärm wird noch der Lärm und Gestank von Autos kommen. Die in Mitleidenschaft gezogenen Straßen darf der Bürger dann auch wieder

mitbezahlen.

Die Argumentation zur Gesundheit wird von anderen Wissenschaftlern widerlegt. Die Problematik mit den Arbeitsplätzen stellt aus meiner Sicht nicht einmal die Halbwahrheit dar. Was ist beispielsweise mit den Arbeitskräften in Brüssel? Des weiteren wird es sich für viele

um Teilzeitarbeiten handeln, die dazu noch vorwiegend nachts stattfinden. Die Gesamtanzahl der Beschäftigten wird doch wohl auch von der Auslastung abhängen. Das beste Beispiel ist doch die derzeit in Betrieb befindliche Nordbahn. Über die Anzahl der Arbeitsplätze, die unter anderem im Hotelgewerbe verloren gehen, schweigt man sich völlig aus. Der wahre Grund für diese Entscheidung ist doch, dass einige Konzerne hier den geringsten Widerstand vorfinden. Das Endergebnis des Planfeststellungsverfahrens ist damit bereit programmiert.

 

Roland Hadrych,

Hohenossig

 










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