MAINZ. Daten der Krankenkassen offenbaren, dass in
Wohngebieten mit erhöhter Nachtflugbelastung auffällig mehr Beruhigungsmittel
und Schlaftabletten als in anderen Gebieten verschrieben werden. Unter anderem
mit diesem Befund trat Professor Dr. Eberhard Greiser vom „Zentrum für Public Health“ (Universität Bremen) heute auf der BUND-Tagung „Junk-Science oder seriöse Wissenschaft?“ den anhaltenden
Versuchen entgegen, mittels Mathematik und Rechentricks von bestürzender
Primitivität die durch Nachtfluglärm hervorgerufenen Belastungen der
Bevölkerung zu bagatellisieren.
Greiser setzt sich in seinem Referat „Kritische Anmerkungen
zur DLR-Studie“ intensiv auseinander mit der sog. STRAIN-Studie
des „Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR)“, deren umstrittene Ergebnisse
als Grundlage für anstehende Verwaltungsgerichtsentscheidungen sowie bei
Genehmigungsverfahren für Flughafenausbau und bei der Novellierung des
deutschen Fluglärmgesetzes von 1971 dienen werden.
Auch auf die wiederholte Einladung, an der Tagung
mitzuwirken, hatte das DLR mit einer Absage reagiert.
Den Manipulationen mit Mittelwerten, die die
tatsächliche Belastungssituation von Flughafenanwohnern völlig verschleiern,
stellt Greiser die „Grundsätze der guten epidemiologischen Praxis“ (gemäß
GEP-Richtlinien der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Epidemiologie) gegenüber und
kommt dabei zu niederschmetternden Ergebnissen:
Generell Unbrauchbarkeit und Scheinwissenschaftlichkeit der z. Zt.
verfügbaren Untersuchungen zur Fluglärmbelastung bescheinigte darüber hinaus
das Referat eines diplomierten Mathematikers. Dies erweise sich an der
fehlerhaften Anwendung der Wahrscheinlichkeitsrechnung, unwissenschaftlichen
mathematischen Aussagen und allzu saloppem Umgang mit Daten; anstelle der
Offenlegung der Datengrundlage werde lediglich lapidar auf die „Erfahrung“ des
Gutachters verwiesen.
Die Aussage, dass es erst nach dem 6. nächtlichen Überflug bei einer
Aufweckschwelle von 60 dB(A) zu einer Aufwachreaktion komme, kann man sich zwar
mit statistischen Zahlenspielen zurechtmanipulieren, mit den Realitäten
lärmgeplagter Flughafenanwohner jedoch hat das nichts zu tun.
Sollte die DLR-Studie weiter unhinterfragt bleiben, könnte
dies durchaus einen Rückfall noch hinter die bisher gültigen
Lärmschutzstandards mit sich bringen. Deutschland würde in Europa zum
Nachtflugland schlechthin.
Ulrich Mohr, BUND Rheinland-Pfalz (Pressesprecher)
Für den fachlichen Laien am besten nachvollziehbar ist die
wissenschaftliche Fragwürdigkeit der DLR-Studie nach der Idee eines
BUND-Mitarbeiters an Hand folgender Fragestellung: Wie ermittle ich die Zahl an
faulen Eiern, die in einer Fuhre von 1 Million Eiern steckt?
Diese Frage ist Teil der wie folgt angenommenen Situation:
Jemand will eine LKW-Ladung mit einer Million Eiern als
Sonderangebot auf den Markt werfen. Auf die Frage, wie viel Eier darin
enthalten sind, legt er eine „wissenschaftliche“ Expertise vor, die besagt,
Wissenschaftler hätten die Eier genau geprüft. Dazu hätten diese sich aus einer
Ecke im LKW 64 Eier ausgesucht und 15.556 Untersuchungen daran durchgeführt.
Drei der Eier hätten sich der Prüfung widersetzt, 4.898 Untersuchungen mussten
aus technischen Gründen gestrichen werden, sodass insgesamt 10.658 Prüfungen an
61 Eiern stattfanden. Aufgrund dieser hohen Untersuchungszahl kamen die
Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit, ein faules Ei in
der LKW-Ladung zu finden, 5 Prozent betrage.
Hieraus ergeben sich folgende Fragen:
Nächste vorgestellte Situation:
Jemand soll die Reaktion von 1 Million Menschen auf
Nachtfluglärm untersuchen .Er untersucht akribisch 61 Probanden anhand von
10.658 Fluglärmereignissen und kommt zu dem Ergebnis, dass - auf einen
bestimmten Lärmpegel - 5 Prozent der Versuchspersonen reagieren.
Hieraus ergeben sich folgende Fragen:
Weitere vorgestellte Situation:
Jemand soll die Reaktion von 1 Million Menschen auf
Nachtfluglärm untersuchen. Er untersucht sehr akribisch 61 Probanden, die nicht
nach dem Zufallsprinzip ermittelt wurden und keine repräsentative Gruppe
darstellen, anhand von 10.658 Fluglärmereignissen.
Die Unterschiedlichkeit ist so groß, dass es Versuchspersonen
gibt, die bei 3,8 Prozent der Geräusche aufwachen, andere dagegen bei 88
Prozent.
Trotzdem ordnet man am Ende der Untersuchung jeder
Versuchsperson die gleiche Aufwachwahrscheinlichkeit zu und schließt daraufhin
auf das Verhalten von 1 Million Menschen.
Noch Fragen? . . .
